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Die Geschichte der Bachwoche Ansbach

1947: Der Anfang

Die Geschichte der Bachwoche beginnt in Pommersfelden. Karl Graf von Schönborn will eine Musikalische Festwoche veranstalten. Namhafte Musiker wie der Cellist Ludwig Hoelscher, der Pianist Carl Seemann und der Dirigent Ferdinand Leitner, dazu ein Gewerkschafter namens Oskar Embacher unterstützen ihn dabei. Dr. Carl Weymar, selbst Bratschist und Inhaber eines Münchner Kunstgewerbegeschäfts, soll das ganze organisieren und empfiehlt: Wir spielen Bach, Johann Sebastian Bach! In Windeseile sprach sich herum: an einem der schönsten Orte Frankens, in Schloss Weissenstein bei Bamberg, soll eine ganze Woche lang, rund um seinen Todestag, Bach musiziert werden. Aus allen Teilen des zerstörten Landes strömten die Besucher zu diesem Ereignis. Mit nach Hause nahmen sie Trost, Erbauung, frischen Mut – notwendig für eine Gegenwart, die sich anschickte, die traumatische Vergangenheit zu vergessen und in die Zukunft zu schauen.

1948: Umzug nach Ansbach

Die Räumlichkeiten im Schloss reichten jedoch nicht aus. Ein Grund für Carl Weymar, mit der Bachwoche 1948 nach Mittelfranken umzuziehen, in die weitgehend unzerstörte Stadt Ansbach mit ihrer Residenz. Unter den Mitwirkenden in diesem und den folgenden Jahren finden sich Namen wie Edith Picht-Axenfeld, Wilhelm Kempff (Klavier), der „Pfarrwaisenhauschor Windsbach“ (später: Windsbacher Knabenchor) unter Leitung von Hans Thamm, Wolfgang Schneiderhan (Violine), Michael Schneider und Helmut Walcha (Orgel), dazu Sänger wie Annelies Kupper (Sopran), Gertrude Pitzinger (Alt) sowie Fritz Rieger und Ferdinand Leitner, die das später „Solistengemeinschaft der Bachwoche Ansbach“ genannte Orchester dirigierten. Einige der Instrumentalsolisten wie Fritz Neumeyer (Cembalo), August Wenzinger (Gambe) und Gustav Scheck (Flöte) setzten sich schon damals für die Verwendung historischer Instrumente zur Interpretation von Barockmusik ein. Nachdem 1948 die Bachwoche fast der Währungsreform zum Opfer gefallen war, gründete sich, zur finanziellen und ideellen Unterstützung, im Folgejahr der „Verein der Freunde der Bachwoche“.

1953: Atemholen

Bis 1952 fand die Bachwoche jährlich statt. Ein Abnutzungs- und Gewöhnungseffekt sei nun eingetreten, meinte Dr. Weymar und setzte die Bachwoche 1953 aus. Statt ihrer fanden zwei Werbekonzerte für den Verein der Freunde statt: im Herbst 1952 auf Schloss Wolfsgarten bei Darmstadt, initiiert von Ludwig Prinz von Hessen, einem „Bachwöchner“ der ersten Stunde, sowie im Sommer 1953 auf Schloss Brühl bei Bonn für das diplomatische Korps sowie Vertreter von Parlament und Regierung. Hier machte erstmals ein Musiker namens Karl Richter von sich reden. Er war zwei Jahre zuvor von Leipzig, wo er das Amt des Thomasorganisten bekleidete, nach München gewechselt. Richter findet sich, als Cembalist, auch auf der Besetzungsliste der Bachwoche 1954 wieder, die in Verbindung mit dem 31. Bachfest der Neuen Bachgesellschaft stattfand. Fritz Rieger dirigierte die Solistengemeinschaft, und es kamen Musiker hinzu wie Aurèle Nicolet (Flöte), die Dirigenten Kurt Thomas und Günter Ramin mit ihren Chören sowie der Geiger Yehudi Menuhin. „Ich packe in Ansbach meinen Rucksack voll und zehre das ganze Jahr davon“ heißt es in den Erinnerungen eines Besuchers!

1954: Die Ära Richter

Von 1955 bis 1964 bestimmte Karl Richter als Cembalist, Organist und Dirigent mehr und mehr das Programm der Bachwoche Ansbach. Mit seinem Münchener Bachchor und Solisten seiner Wahl, darunter Peter Pears und Fritz Wunderlich (Tenor) und Dietrich Fischer-Dieskau, führte er viele Kantaten und die Passionen Bachs mehrfach auf. Aber auch international geschätzte Instrumentalisten wie Andres Segovia (Gitarre), Henryk Szeryng (Violine), Pierre Fournier (Violoncello) oder Ralph Kirkpatrick (Cembalo) gehörten zu den Gästen der Bachwoche Ansbach jener Jahre. Der vielseitig begabte Richter spielte außerdem Orgel und Cembalo. Sein Plan, die Bachwoche komplett nach München zu verlegen, scheiterte jedoch am Votum der im „Verein der Freunde“ organisierten Besucher der Bachwoche. Mit Richter verließ auch der nun 65-jährige Carl Weymar die Bachwoche. 

1966: Rudolf Hetzer

Im Jahre 1966 musste daher ein Neuanfang gemacht werden. Rudolf Hetzer, Mitglied im „Verein der Freunde der Bachwoche“, wurde neuer künstlerischer Leiter, die Stadt Ansbach übernahm die Trägerschaft der Bachwoche. Der durch den Wechsel eingetretene Zweijahres-Turnus wurde beibehalten. Vermehrt kamen nun internationale Künstler und Ensembles nach Ansbach, Nathan Milstein (Violone) und Mstislaw Rostropowitsch (Violoncello), Maurice André (Trompete), die Dirigenten Sir Neville Marriner und Helmuth Rilling, Ensembles wie The English Concert und London Baroque. Damit hielt nicht nur die historisch informierte Aufführungspraxis Einzug bei der Bachwoche Ansbach, sondern es wurden behutsam auch erstmals Werke anderer Komponisten ins Programm aufgenommen.

1979: Hans-Georg Schäfer

Rudolf Hetzer musste 1979 aus Gesundheitsgründen sein Amt aufgeben. Ihm folgte mit Hans-Georg Schäfer ein studierter Pianist und Kapellmeister, später auch Intendant der Berliner Philharmoniker. In seiner Amtszeit bezog er die Bach-Söhne mit ins Programm ein und erweiterte das Spektrum über Johann Sebastian Bach hinaus. Es reichte nun von Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Heinrich Schütz bis zu Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Paul Hindemith, Witold Lutoslawski und Arvo Pärt. Auch den ersten Bachwochen-Auftrag an einen zeitgenössischen Komponisten vergab Hans-Georg Schäfer. Musiker wie András Schiff (Klavier), Guy Touvron (Trompete) und der Dirigent Hans Martin Schneidt wurden zu Publikumslieblingen. Aber auch fast alle wichtigen Musiker der damals aktuellen Aufführungspraxis, wie John Eliot Gardiner, Reinhard Goebel, Ton Koopman und Philippe Herreweghe mit ihren Ensembles, gastierten regelmäßig bei der Bachwoche. Schäfer schied mit einem Extra-Bachwochenende 2000, dem 250. Todesjahr Bachs, aus dem Amt.

2001: Lotte Thaler

Ihm folgte für drei Bachwochen Dr. Lotte Thaler als künstlerische Leiterin. Die Musikwissenschaftlerin und –redakteurin setzte neue Akzente mit thematischen Schwerpunkten, etwa »Bach und Strawinsky« 2001 oder »Weltmusik Bach« 2005. Damit räumte sie zugleich der Musik des 20. Jahrhunderts ein stärkeres Gewicht ein und bereicherte die Bachwoche um Elemente wie die Bach-Sprechstunden, Programmhefte und -einführungen sowie Kinderkonzerte. Sie etablierte, darin ersten Versuchen ihres Vorgängers folgend, Jazzkonzerte und erprobte in der Mitte der Bachwoche, am „Ansbach-Tag“, neue Konzertformen und Spielstätten.

Die Bachwoche in der Gegenwart

Seit Frühjahr 2006 ist Dr. Andreas Bomba Geschäftsführer und Intendant. Der Musikjournalist und Historiker hatte bereits mit seiner Vorgängerin Lotte Thaler zusammengearbeitet. Sein Anliegen ist, das Programm mit einem Blick auf Wurzeln und Nachwirkungen Bachs vielfältig zu gestalten, es zugleich aber auch auf den Namensgeber der Bachwoche, Johann Sebastian Bach und sein Gesamtwerk zu fokussieren. So wird zu jeder Bachwoche ein »Ansbachisches Konzert« für eine jeweils andere Besetzung in Auftrag gegeben. Ferner will eine neue Musikergeneration in die Tradition der Bachwoche integriert und der Vielfalt an Interpretationen ein Forum geboten werden. Dabei rangiert künstlerische Qualität vor großen Namen, die gleichwohl auch bei der Bachwoche aufspiele. 

Der Tradition der Bachwoche entsprechend kommen viele Besucher, die sich noch immer gerne als „Bachwöchner“ bezeichnen, für mehrere Tage (oder die komplette Veranstaltung) nach Ansbach. Die Organisation und die Programmzusammenstellung tragen diesem besonderen Umstand Rechnung. Dazu gehört die Verteilung der Konzerte auf die vielen Konzertorte in Ansbach und Umgebung ebenso wie die beliebte „Landpartie“, bei der unbekannte Schönheiten der Region angesteuert und musikalisch belebt werden.

 

Um dem Besucherzuspruch standzuhalten, wurde die Zahl der Konzerte und Konzertformate erhöht. Ferner konnte im Jahre 2007 die restaurierte, historische Orgel des markgräflichen Hoforgelbauers Johann Christoph Wiegleb (1739) in der Kirche St. Gumbertus in Betrieb genommen werden. Dieses Instrument bereichert die Bachwoche um die Möglichkeiten, nun auch Bachs Orgelmusik auf einem Instrument der Bachzeit zum Klingen zu bringen. Bei der Bachwoche 2011 feierte Stefan Zedniks Dokumentarfilm »Weichet nur, betrübte Schatten« über die Bachwoche Ansbach Premiere und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. 

Hinzu kommt ein verstärktes Engagement für kommende Generationen von Musikfreunden. Seit 2009 finden zeitgleich zu den Vormittagskonzerten Workshops für Kinder und Jugendliche statt. Sie werden konzipiert und geleitet von der Musikpädagogin Petra Mengeringhausen. Spielerisch werden Leben und ausgesuchte Werke Bachs vermittelt und für die Teilnehmenden nach-erlebbar gemacht. Konzept, Umfang und Intensität der Workshops sind bislang einzigartig in der europäischen Festivallandschaft.

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