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Anfang und Ende

Eine „szenische Reise mit Bach-Kantaten“ am Staatstheater Kassel.

Am Pult: Jörg Halubek, Leiter des Festspiel-Ensembles der kommenden Bachwoche

„Falsche Welt, dir trau ich nicht“. Die Bühne, die falsche Welt ist leer. Hinten stürzt, in Zeitlupe, ein Wasserfall hinab, Symbol der immerwährenden Erneuerung und Vergänglichkeit. Ein Mensch lugt durch den Vorhang. Dann noch einer. Beide erschrecken voreinander. Ein dritter kommt hinzu. Ein vierter, und noch mehr. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig als zu erkennen: wir sind nicht allein. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Auch wenn er nichts anhat, noch nicht einmal eine Haut das weiße Fleisch umhüllt, Venen und Arterien und das Herz den Puls des Lebens sichtbar machen. Rasch wählen die Menschen einen aus, heben ihn zum Himmel empor. „Ich halt’ es mit dem lieben Gott“ singt die Sopranstimme, während der Chor bekräftigt: „In dich hab ich gehoffet, Herr.“  

So beginnt, mit Kantate BWV 52, die Produktion „Anfang und Ende – B.A.C.H.61 am Staatstheater Kassel. Eine szenische Reise mit Kirchen-Kantaten. 61 ist die Summe aller Nummern der sechs Kantaten im Werkverzeichnis – eine kokette Anspielung auf Johann Sebastians Bach gerne nachgesagte Affinität zur Zahlensymbolik. Abiara Amos (Regie), Sarah Julia Rolke (Kostüme) und Ursula Benzing (Dramaturgie) stehen für dieses mutige, am Hessischen Staatstheater Kassel realisierte Projekt. Bach-Kantaten, dezidiert geistliche Musik also auf der Bühne – Besucher der Bachwoche Ansbach werden sich an ein ähnliches Projekt erinnern, das wir 2015 unter dem Titel „Erfreue dich, Seele“ versucht hatten, damals unter den weniger komfortablen, dafür atmosphärisch dichteren Bedingungen der Kirche St. Johannis. Es polarisierte die Besucher – aber regte auch an und blieb im Gedächtnis.

Musikalischer Leiter damals war und ist jetzt wieder Jörg Halubek. Der Stuttgarter Cembalo-Professor erinnert sich immer wieder gerne an ein Projekt, das er schon als Student in Basel begleitet hatte: die „Actus tragicus“ genannte Produktion von Herbert Wernicke; der 2002 früh verstorbene Regisseur hatte das Konzept „Bach-Kantaten auf der Bühne“ bereits in den 1980er Jahren erstmals realisiert, ebenfalls in Kassel. Im „Actus tragicus“ ging es um die Vergeblichkeit allen irdischen Lebens, das nicht im Hinblick auf himmlische Freuden geführt wird. So könnte man das Generalthema aller Bachschen Kantaten umreißen, wobei es der Musik des Thomaskantors, gar nicht vergeblich, ja immer wieder gelingt, das Anliegen der Texte zu verdeutlichen. Auffällig – gegenüber Werken des Theaterprofis Georg Friedrich Händel z.B., ist die reiche, differenzierte Verwendung vieler Instrumente – „avec plusieurs Instruments“ also, wie es in der Widmung der „Brandenburgischen Konzerte“ heißt und wie es auch über der diesjährigen Bachwoche steht.

In Kassel gelingt Halubek das mit dem Staatsorchester ausgezeichnet – gestisch, charaktervoll und stets im Dienste des Textes. Bestechend die Idee, die Sinfonia zur Kantate 146 „Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen“, eine Bearbeitung des d-Moll-Cembalokonzerts BWV 1052, als Gewitter- und Sturmmusik zu inszenieren. Ein durch Mitglieder seines Ensembles „Il Gusto Barocco“ aufgestocktes Continuo-Ensemble sorgt für ein stabiles Fundament, fünf Solisten (Elizabeth Bailey, Karola Sophia Schmid, Marta Herman, Vounggi Moses Do und Daniel Holzhauser) und der Chor bringen bis zur abschließenden Kantate BWV 172 („Himmelskönig, sei willkommen“) Farbe und Ausdruck ein. Fast will man diese großartige, kostbare Musik nicht mehr im bloßen Konzert mit seinen nüchternen Ritualen hören. Sie gewinnt in unserem visuellen Zeitalter auf der Bühne an Intensität, ohne zum bloßen Effekt zu verkommen. So, wie es in der Kantate 26 bedeutungsvoll und doppeldeutig heißt: „An irdische Schätze sein Herze zu hängen ist eine Versuchung der törichten Welt“.

 

Jörg Halubek und "il Gusto Barocco" in Ansbach

Insgesamt fünf Konzerte spielen "il Gusto Barocco", unser Festspielorchester, und Jörg Halubek bei der Bachwoche 2019 (jeweils 19.30 Uhr, Orangerie).

  • Orchesterkonzert 1: Freitag, 26. Juli und Sonntag 28. Juli
    Brandenburgische Konzerte Nr. 1 und 5, dazu das prächtige „Dramma per Musica“ BWV 205;
     
  • Orchesterkonzert 2: Mittwoch 31. Juli und Donnerstag 1. August:
    Brandenburgische Konzerte Nr. 2 und 4 zusammen mit BWV 207, einer fast opernhaften Huldigung Bachs an einen Leipziger Universitätsprofessor
     
  • Orchesterkonzert 3: Freitag 2. August:
    Brandenburgische Konzerte Nr. 3 und 6, dazu einige Instrumentalkonzerte.

Schnell zugreifen: Orchesterkonzert 3 ist fast ausverkauft, nur noch wenige Karten gibt es für den 26. und 31. Juli.

 

Jörg Halubek

"Anfang und Ende – B.A.C.H.⁶¹" am Staatstheater Kassel

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