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„Leben kann ich entweder nur ganz mit dir – oder gar nicht“

Jüri Reinvere, Auftragskomponist der Bachwoche 2019, hat eine Beethoven-Oper geschrieben | Uraufführung am Theater Regensburg


Von Andreas Bomba

Wie gut, dass im Beethovenjahr die Bachwoche nicht stattfindet! Was hätten wir zu dem Thema gemacht? Gewiss: der junge Beethoven spielte zur Übung Präludien und Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier. Und später, in Wien, hat er bestimmt – wie ja auch Mozart – die Partituren mit Bachscher Musik begutachtet, die der Baron Gottfried van Swieten aus Berlin mitgebracht hatte. Wieviel Bach aber ist in Beethoven?

Von Bach zu Beethoven

Im vergangenen Jahr hatten wir Jüri Reinvere gebeten, für das Konzert „Trompete – Orgel – Violine“ in der Johanniskirche ein neues Stück zu schreiben. Der in Frankfurt lebende, estnische Komponist nahm sich ein Kapitel aus dem gerade erschienenen Buch „Der Oboist des Königs“ von Olaf Schmidt (Verlag Galiani, Berlin) vor; es geht um Bachs wenig bekannten Bruder Johann Jacob, der (womöglich Subjekt des berühmten „Capriccio“ über die Abreise des geliebten Bruders BWV 992) bei der schwedischen Armee anheuert. Er und sein Bruder Johann Sebastian machen, nach dem Tod des Vaters, auf halbem Weg zum älteren Bruder Johann Christoph nach Ohrdruf, in Waltershausen Station. „Der Stern von Waltershausen“ hieß der von glitzernden Orgeltonsternen überfunkelte Dialog der in Trompete und Violine manifesten Brüder. Ein schönes, phantasievolles Werk.

Hatte Beethoven eine Tochter?

Jüri Reinvere hat nun fürs Theater Regensburg und im Auftrag der Ernst von Siemens- Musikstiftung (der große Industrielle gehörte übrigens zu den frühesten Förderern der Bachwoche!) eine Oper geschrieben. Sie trägt den Titel „Minona“ und basiert auf dem spektakulären, nicht unmöglichen oder gar ziemlich wahrscheinlichen Gedanken: Beethoven, der ewig Unverheiratete, könnte eine Tochter gehabt haben! Auch die seriöse Forschung weist das nicht von der Hand, denn es gibt sie ja, die ominöse „Unsterbliche Geliebte“ und den Brief, den Beethoven am 7. Juli 1812 an sie schrieb.

„Leben kann ich entweder nur ganz mit dir – oder gar nicht“, heißt es da. Und weiter: „deine Liebe macht mich zum Glücklichsten und Unglücklichsten zugleich!“ Den Namen der Adressatin kennen wir leider nicht. Und abgeschickt wurde der Brief auch nie. Wahrscheinlich sollte er Josephine Brunsvick erreichen, eine adelige Schülerin Beethovens, verwitwete Deym, wiederverheiratete von Stackelberg. Verbrachte sie eine Liebesnacht mit dem Komponisten, die ihm den Kopf völlig verdrehte? Und ist Minona, die genau neun Monate später zur Welt kam und die Josephine ihrem Ehemann (mit dem sie nicht glücklich war) unterschob, ein Produkt dieser Liebesnacht, eine Tochter Beethovens?

Freiheits- und musikliebend

Reinveres Oper ist kein dokumentarisches Stück, das diese Abstammungsfrage erörtert, sondern eine, die im Beethoven-Kontext drei verzweifelte Menschen zeigt. Zuerst die unglückliche Josephine, die nicht weiß, wie sie mit ihrer Schwangerschaft umgehen soll. Dann Graf Stackelberg, Diplomat und pietistischer Philanthrop (wie der Komponist ein Este), der in seiner Heimat zwar ein vorbildliches Bildungswesen installierte, aber mit seinen bornierten Glaubenshaltungen Menschen auch tyrannisierte. Vor allem seine widerspenstige, freiheits- und musikliebende (da schlüge der Beethovensche Geist doch durch!) „Tochter“ Minona. Und schließlich Minona selbst. Noch als alt gewordene Frau – die Oper verankert sich in fünf Jahrzehnten – weiß sie nicht, wo sie herkommt und was sie eigentlich soll auf dieser Welt.

Ein fulminanter Klangerfinder

Ein starker Stoff also! Gewürzt mit philosophischen Disputationen und viel Lebensweisheit (Reinvere hat den Text selbst geschrieben) zielt er auf existenzielle Fragen. Die Musik ist deshalb nicht eigentlich dramatisch. Reinvere, neben Arvo Pärt und Erkki-Sven Tüür der wohl prominenteste Komponist des kleinen baltischen Landes, erweist sich als fulminanter Klangerfinder. Er arbeitet virtuos mit Instrumentalfarben, Tonhöhen, an- und abschwellender Dynamik; fast impressionistisch inspiriert und nicht ohne markante Akzente leitet und kommentiert die Musik den Text. Gewaltige, auch schrille Wahnbilder entstehen, wenn Minona sich dem Licht, der Freude am Leben mit Hilfe von Tabletten zuwendet und die Welt sich auch für den Zuschauer zu drehen beginnt.

Filmische Elemente, religiöse Überhöhung

„Musik ist zum Klingen gebrachte Luft“ heißt es irgendwo – genauso ist es mit dieser freitonalen, krasse Dissonanz ebensowenig wie Harmonisches meidenden Oper, die auch eine Oper über die Macht der Musik ist. Beethoven wird nur einmal zitiert, mit dem leicht verfremdeten Quartett aus „Fidelio“, in dem beschrieben wird, wie die Liebe das Herz einengt und doch so wunderbar ist. Die Inszenierung von Hendrik Müller setzt auf eine unablässig rotierende Bühne (Marc Wenger) und filmische Elemente. Um die gleichsam religiöse Überhöhung Beethovens durch die Nachwelt (und damit die Grundproblematik des Stoffs) zu vertiefen, führt die Regie die Pianistin Elly Ney ein; jene umstrittene Pianistin also, die aus ihren Beethoven-Interpretationen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kultische Handlungen machte und dabei allzusehr die Nähe zum „Führer“ suchte.

Beethoven, Elly Ney und die Bachwoche

Zum Thema Bachwoche findet sich hier eine Pointe: Ney betritt gleich zu Beginn den ersten Stock des Bühnenbilds, den eine Orgel krönt (der junge Beethoven war schließlich Hoforganist). Bei der Bachwoche 1947, also der ersten in Pommersfelden, war sie als gute Freundin und Kammermusikpartnerin des Cellisten und Bachwoche-Gründers Ludwig Hoelscher dabei, hatte aber – aus den genannten Gründen – Auftrittsverbot. Dafür spielte sie, wie der „Spiegel“ seinerzeit berichtete, den Bauern auf der Orgel vor!

Die Figuren Minona und Ney gehen schließlich ineinander auf – vielleicht eine intellektuelle Wendung zuviel. Für das Regensburger Theater eine sehr ambitionierte, von GMD Chin Chao-Lin dirigierte Leistung. Wenn das Beethovenjahr übers bloße Beethoven-Aufführen kreative Impulse setzen will: hier ist ein erster, herausragender zu erleben!

 

 

Bild von Komponist Jüri Reinvere und Musikern der Uraufführung: Sebastian Küchler-Blessing (Orgel), Franziska Hölscher (Violine), Simon Höfele (Trompete)

Bachwoche 2019: Komponist Jüri Reinvere (Zweiter von links) und die Musiker der Uraufführung Sebastian Küchler-Blessing (Orgel), Franziska Hölscher (Violine), Simon Höfele (Trompete)

Auf dem Boden der Tatsachen: Graf Stackelberg (Johannes Mooser) und Minona (Theodora Varga). Dazwischen auf dem Denkmal: Ludwig van Beethoven

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