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Ein Tenor für denkende Hörer

Peter Schreier, Bachs unvergleichlicher Evangelist, ist gestorben

Ein Nachruf von Andreas Bomba

„Auf dass ihr gläubet!“ Das war der stärkste Moment immer dann, wenn Peter Schreier den Evangelisten der Johannes-Passion sang. Am Ende dieses Stücks geht es um die Wahrheit und einen Zeugenbericht, der von Christi Kreuzigung handelt. Hier, nach der emotionalen Schilderung von Leiden und Sterben Christi, nach den Tränen Petri, der Szene mit den Frauen und Christi Mutter am Kreuz, hier also nahm Peter Schreier die Noten, die er ohnehin nur aus Verlegenheit in Händen hielt, stets bewusst herunter und schaute auffordend im Publikum umher: auf dass IHR gläubet. „Ihr“, das war sein Publikum auch in Japan und Frankreich, wo ich ihn erleben konnte. Jeder schien es zu verstehen, niemanden ließ dieser Appell kalt. Und auch in Ansbach, wo der Dresdner Tenor 1993 im selben Stück sogar als Evangelist und Dirigent auftrat. In dieser Doppelfunktion, gestand er mir später, konnte er seine Ideen am besten verwirklichen. Auch wenn die Hinwendung zu den Musikern hier, den Zuhörern dort einige körperliche Kunstfertigkeit voraussetzte.

Peter Schreier war der Evangelist schlechthin. Der Sänger konnte erzählen, der Erzähler singen, Partei ergreifen, verkünden. In der Matthäuspassion, beim Verhör Jesu, lief es einem kalt den Rücken herunter, so eisig und hart färbte Schreier das „a“ und ritt mit den Konsonanten „D“, „Z“, „R“ und „S“ Attacken: „Daaa zerrrriss der Hohepriester seine Kleider“. Später zerriss auch der Vorhang, „von oben an bis unten aus“, in erregender Dramatik. Die Finsternis, die um die sechste Stunde den Himmel verdunkelt, tauchte er in fahlstes Licht. Gewiss: Schreier trat seit 1959 auch als Charaktertenor in Wagner-Partien oder als lyrischer Liebhaber in Mozart-Opern in Erscheinung. Rossini, Lortzing, Verdi, Mussorgsky, Strauss – Schreier blieb stets unverkennbar; er ging nicht in den Rollen eines Loge, Tamino oder Des Grieux auf, sondern blieb mit seiner unverwechselbaren Stimme der Interpret, der Deuter. 

Der 1935 geborene Kantorensohn galt als der deutsche Tenor schlechthin. Zu Unrecht jedoch drängte man ihn in die Nachfolge des 1966 verstorbenen Fritz Wunderlich. „Schreiers Stimme hatte den lichten Schimmer von Silber“, schreibt der Sängerpapst Jürgen Kesting und attestierte ihm das Bemühen, „Kunst als absichtslose Natur erscheinen zu lassen“, ein „Tenor für denkende Hörer“. Wer Schreiers unvergleichliche Schubert-Platten und -CDs im Schrank hat (die erste Plattenaufnahme von 1949 lässt den damaligen Präfekten des Dresdner Kreuzchores noch mit Knaben-Altstimme in einer Motette seines Entdeckers und Mentors Rudolf Mauersberger hören), sollte schauen, ob auch die Mendelssohn-Lieder danebenstehen. „Durch den Wald, den dunklen, geht holde Frühlingsmorgenstunde“, das Wanderlied op. 47 Nr. 3, hat niemand so knackig frisch, jugendlich und hell und doch mit leichter Melancholie durchzogen gesungen wie 1971 Peter Schreier.

Eine besonders schöne Erinnerung bleibt mir von einem Liederabend in Stuttgart. Es war bei der Sommerakademie „Bach und Brahms“ 1983, Schreier sang „Die schöne Magelone“, der Saal war brechend voll – so ließ er die Gächinger rund um sich und das Klavier auf der Bühne Platz nehmen, hautnah große und doch so natürliche Kunst erleben. Später dann eine Aufführung der Brahmsschen „Rinaldo“-Kantate für Tenor, Männerchor und Orchester unter Helmuth Rilling, ein fröhliches Sängerfest, eine herrlich lyrische hier und packend dramatische Musik dort. Der vielbeschäftigte Schreier kam, wie so oft, erst zur Generalprobe und sang diese Partie auf Anhieb perfekt und uns junge Sänger mitreißend, als habe er nie etwas anderes gesungen als einen liebenden Kreuzfahrer. „Unser großes Ziel ist da: Godofred und Solyma!“ heißt es im Goethe-Text. Unvergesslich!

Bei der Bachwoche Ansbach debütierte Schreier mit Bachs h-Moll-Messe 1973, unter Leitung von Diethard Hellmann. 1985 und 1987 sang er den Matthäuspassion-Evangelisten (unter Ton Koopman und Helmuth Rilling), 1991 und 1993 sang und dirigierte er Matthäus- und Johannespassion, 1995 stand er schließlich, in einer Rekonstruktion der Markus-Passion, nur noch am Pult. Zum Jahresende 2019 ist Bachs perfekter Evangelist 84-jährig gestorben.

Bachwoche 1991 | Peter Schreier (Mitte) als Solist und Dirigent bei der Matthäus-Passion (anklicken zum Vergrößern)

Bachwoche 1991 | Intendant Hans Georg Schäfer und Peter Schreier bei der Probe zur Matthäus-Passion

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