Wahrlich eine runde Sache!

Hans-Christoph Rademann© Bachfest Leipzig/ Gert Mothes

Masaaki Suzuki© Bachfest Leipzig/ Gert Mothes

St. Nikolai Kirche Leipzig© Bachfest Leipzig/ Gert Mothes

St. Thomas Kirche Leipzig© Bachfest Leipzig/ Gert Mothes

Ton Koopman© Bachfest Leipzig/ Gert Mothes

13.06.2018

Bericht von Dr. Andreas Bomba über den Kantaten-Ring in Leipzig

Vor 333 Jahren, am 20. oder 21. März 1685, wurde Johann Sebastian Bach geboren. Für Zah-lensymbolik hatte der spätere Thomaskantor immer eine gewisse (wenn auch von manchem heute überschätzte) Schwäche – so kann es gut sein, dass er diesem „runden“ Geburtstag mehr Interesse entgegengebracht hätte als anderen Wiegenfesten. Das Bachfest an Bachs Wirkungsstätte Leipzig setzte zu diesem Anlass einen kräftigen Akzent: die 30 „besten“ Kan-taten sollten en suite erklingen, musiziert von den Ensembles, die das Kantatenwerk als Gan-zes auf CD aufgenommen haben. Auch wenn das schon lange her ist und diese Einspielungen schon wieder Patina ansetzen. Die letzte entstand mit Masaaki Suzuki und dem Bach-Collegium Japan, davor die von John Eliot Gardiner mit Monteverdi Choir und English Ba-roque Soloists sowie von Ton Koopman mit seinen Amsterdamer Bach-Kräften. Die Gaechinger Kantorei (damals noch mit Umlaut: Gächinger und unter Helmuth Rilling) war unter ihrem neuen Leiter Hans-Christoph Rademann ebenfalls mit von der Partie. Die Werk-auswahl fiel schwer; weil sich Präsident und Direktor des Bach-Archivs, Gardiner und Peter Wollny, sowie der ebenfalls am Bach-Archiv tätige Bachfest-Intendant Michael Maul schwer taten mit der Reduzierung, erhöhte sich die Zahl der musizierten Kantaten schließlich auf 33. Dreiunddreißig Kantaten zum dreihundertdreiunddreißigsten Geburtstag – wahrlich eine run-de Sache!


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Um eine Struktur in die Abfolge zu bringen, verteilten sich die Kantaten auf acht Konzerte an zwei Standorten im Wechsel, Bachs Wirkungsorte in St. Thomas (Koopman und Suzuki) und St. Nikolai (Gardiner und Rademann). Die Thomaner-Motette und ein Gottesdienst auf dem Marktplatz erhöhten die Zahl auf zehn. Konzentriert auf zweieinhalb Tage (Freitag abend bis Sonntag abend) folgten sie einigermaßen dem Kirchenjahr, von Advent bis Totensonntag. Natürlich kann eine solche Werkauswahl nur subjektiv sein; Gardiner betonte zu recht, er habe 198 Lieblingskantaten... In der Tat fiel Bach stets aufs Wort bezogene neue, interessante, phantasievolle und im Ausdruck weitgespannte Musik ein – mit gelegentlich besonderen Ein-fällen, die zu hören die Zeit stillstehen lässt. „Schlummert ein, ihr matten Augen“ aus BWV 82 ist ein solcher Moment, berührend gesungen von Klaus Mertens. Oder „Kann ich nur Je-sum mir zum Freunde machen“ aus BWV 105, gesungen vom phänomenalen, jungen Tenor Patrick Grahl. Wir werden ihn nächstes Jahr bei der Bachwoche hören!

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Um 12 Uhr Koopman, 15 Uhr die Thomaner, 17.30 Suzuki, 20 Uhr Gardiner – ein Wettbe-werb der prominentesten Interpreten sollte es nicht sein und war es dennoch. Zumal die Regie eine Gruppe von Wahl-Pflichtstücken vorgab, nämlich Motetten aus dem Florilegium portense, Stücke also, die schon in den Gottesdiensten der Bach-Zeit gesungen wurden. Sie standen hier in einer Art liturgischem Zusammenhang. Wer kann mit dieser ungewohnten, ohne obli-gate Instrumente im alten Stil vorzutragenden Literatur überhaupt etwas anfangen? Natürlich hatte der choraffine Rademann, der Kantorensohn aus dem Erzgebirge, die Nase vorn. An-sonsten bewahrten die Interpreten das Bild, das man von ihren CDs kennt: Koopman impulsiv und mit raschen Tempi; Suzuki elegant, mit hellem Klang und um Perfektion bemüht; Gardi-ner kraftvoll mit Drang zu sehr differenziertem, bisweilen opernhaftem Ausdruck. Sollen Re-zitative und Arien deshalb von ausgewiesenen Solisten gesungen werden oder (wie bei Bach) von Mitgliedern des Chores? In qualitativer Hinsicht fällt die Entscheidung leicht: Nur im Metier erfahrene Sänger sind dieser oft vertrackten und keine Rücksichten nehmende Musik gewachsen. Man fragt sich immer wieder, welche Sänger und Musiker Bach bei seinen Kom-positionen eigentlich im Auge hatte...

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Hätte Bach selbst dieses Bachfest mit dem Kantaten-Ring gefallen? Sicher hätte es ihn ge-wundert, 268 Jahre nach seinem Tod diese Musik überhaupt noch zu hören, vor tausenden Zuhörern, die eigens seinetwegen von zum Teil weither nach Leipzig gekommen waren und die Kirchen bis auf den letzten Platz füllten. Mit gemischten Gefühlen gedacht hätte er ver-mutlich an seine Eingabe an den Rat der Stadt vom August 1730. Hatte er sich hier nicht über Zustand und Qualität seines Vocal Chores echauffiert? In drei Claßes müsse er seine 55 Thomaner einteilen: die „brauchbaren“, die „Motetten Singer, so sich noch ernstlich mehr perfectionieren müßen“ und „gar keine Musici“. Und, ganz berühmt, sein Seufzer: „In denen 3 Kirchen, als zu S. Thomae, S. Nicolai und den neuen Kirche müßen die Schüler alle musica-lisch seyn. In die Peters-Kirche kömmt der Ausschuß, nemlich die, so keine music verstehen, sondern nur nothdörfftig einen Choral singen können.“ Beim Kantaten-Ring nun hätte Bach, zusätzlich zu seinen Thomanern, vier Kantoreien singen hören, die zu den besten der Welt zählen! Welcher Luxus! Dass der Rat der Stadt auch heute noch nur zögerlich und unter vie-lem Wenn und Aber mitspielte, hätte den alten Bach vermutlich amüsiert.

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Der Kantaten-Ring war auch ein Hör-Experiment. Wie viele Bach-Kantaten verträgt der Mensch? Die Antwort ist einfach: viele, sehr viele! Eben weil die Musik Stück für Stück an-ders, individuell, originell ist und immer wieder überraschend. Dass es sich um genuine Pre-digt-Musik handelt wurde hervorgehoben, indem die Pfarrer der Kirchen die Bibeltexte des betreffenden Tages lasen, auf die die Kantaten jeweils Bezug nehmen. Das könnten wir in Ansbach auch so machen – es wird vieles ohne lange Erklärungen sehr sinnfällig. Freilich wurde die Aufmerksamkeit durch das Wetter, sehr schwüle und stickige Luft in der Kirchen arg strapaziert.

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Die Menschen stehen Schlange vor den Eingängen. Kontrollen finden nicht statt. Trinkfla-schen, Rucksäcke werden ungeöffnet einfach mitgenommen. Wer keinen Stuhl mehr findet, keinen Platz in der Bank, setzt und stellt sich auf Treppen und in die Fluchtwege... Da wird man nach den Erfahrungen der Bachwoche Ansbach 2017 schon etwas neidisch. Soll ich Angst haben, weil vielleicht verbotene, gefährliche Dinge in die Kirchen gebracht werden? Oder soll ich mich nicht lieber freuen über diese friedlichen Versammlungen von jungen und älteren Menschen, Männern und Frauen, Deutschen und Ausländern, die einzig das Ziel haben, Bach zu hören? Kantaten und immer wieder Kantaten?

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Zugleich mit dem Kantaten-Ring tagte in Leipzig die Partei Die Linke. Obwohl der Minister-präsident von Thüringen, ein Linker, praktizierender Christ ist und erstaunlich kompetent über Bach sprechen kann, scheinen die Schnittmengen von Bach-Freunden und Mitgliedern dieser Partei eher gering. Aber wer weiß? Vielleicht hätte ein musikalisches Grußwort da geholfen. Zum Beispiel die schon erwähnte Arie: „Kann ich nur Jesum mir zum Freunde machen, so gilt der Mammon nichts bei mir...“ aus Kantate BWV 105. Oder die Arie „Kapital und Interessen, meine Schulden groß und klein, müssen einst verrechnet sein“ aus Kantate BWV 168 mit der geradezu marxistischen Conclusio: „Herz, zerreiß des Mammons Kette, Hände, streuet Gutes aus!“ Dieses Stück gehörte leider nicht zu den Favoriten der Kantaten-Ring-Schmiede!

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Die gesungenen Texte konnte man, wie schon zur Bach-Zeit, in gedruckter Form mitlesen. Es war auch nötig, denn besonders in St. Thomas ist die Akustik recht schwammig. Dazu hatte das Bach-Archiv ein schwergewichtiges Programmbuch herstellen lassen. Es bot neben den Texten vor allem ebenso scharf beobachtende wie subjektive Bemerkungen Gardiners zu den einzelnen Kantaten. Gesungen wurde von den Holländern, Japanern, Engländern und Deut-schen natürlich in Originalsprache. In welcher Sprache aber sangen einst die Thomaner unter Bachs Leitung? Tagesschau-Hochdeutsch gab es ja noch nicht... Bach rief seine Anweisungen sicher in breitem Thüringisch den Musikern zu. Diese kamen mehrheitlich aus dem Erzgebirge und angrenzenden Gegenden... Die Kantaten-Gesamtaufnahme in Originalsprache steht also noch aus!  

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Für die plakative Darstellung ihres Vorhabens bedienten sich die Bach-Macher der Idee eines anderen Leipziger Komponisten: Richard Wagner. So entstand der Leipziger „Kantaten-Ring“. Ein Ring nicht im Festspielhaus, sondern in den großen Kirchen – für Wagner wie für Bach aber authentische Stätten. Mit der in Kauf zu nehmenden Konsequenz, dass man hier wie dort unbequem sitzt, auf hartem Holz. Aber was erträgt man der Musik wegen nicht alles! Auch saloppe, der Hitze geschuldete Kleidung behindert nicht die weihevolle Aura, die sich bei den Aufführungen einstellt. Eher schon der Beifall nach jedem Stück. Das ist nicht jedermanns Sache, zumal Bachs Musik selten so spektakulär ist, dass man selbst nach einer Arie wie „Ich freue mich auf meinen Tod“ aufspringen und „Bravo“ schreien muss. In Bayreuth wird, wie früher in Ansbach nach Kirchenkonzerten, nach dem ersten Parsifal-Aufzug eisern geschwie-gen, selbst wenn eine Inszenierung so provoziert wie weiland die von Christoph Schlingensief. Da wurden sogar die Buh-Rufer niedergezischt...  

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33 Kantaten zum 333. Geburtstag – der Leipziger Kantaten-Ring war eine geniale Idee und ein gigantischer Erfolg. Erstaunlich, auf wieviele Arten man Bachs Kantaten interpretieren kann! Das freut uns für Johann Sebastian Bach und die Leipziger Kollegen rund um den In-tendanten Michael Maul, der ja auch schon öfter bei der Bachwoche war. Er erzählte mir, dass bereits im Januar 800 (!) Dauerkarten für den Ring verkauft waren. Fast wie bei uns in Ans-bach... Das mediale Interesse reichte rund um die Welt, Vertreter eines Bachvereins aus Ma-laysia waren da und auch ein Kritiker der New York Times. Vor kurzem noch hatte das Leipziger Bachfest auf der Kippe gestanden. Nach diesem international ausstrahlenden, auch wirtschaftlichen Erfolg ist es nicht mehr wegzudenken. Mag in Berlin auch mehr Geld sein – für diese Woche war Leipzig die Musikhauptstadt Deutschlands!