Die Geschichte der Bachwoche Ansbach

1947: Der Beginn

Die Geschichte der Bachwoche Ansbach beginnt in München. Nach den traumatischen Ereignissen der Nazizeit und des zweiten Weltkriegs trafen sich hier der Bratscher und Kunsthändler Dr. Carl Weymar, der Cellist Ludwig Hoelscher und der Dirigent Ferdinand Leitner. Sie fassten den Entschluss, eine Reihe von Konzerten mit Musik von Johann Sebastian Bach zu veranstalten. Sie zu hören hatte für viele Menschen damals geradezu therapeutischen Charakter. Das Vorhaben sprach sich herum, und so versammelte sich rund um Bachs Todestag, vom 27. Juli bis 3. August 1947, eine Anzahl von Musikfreunden im oberfränkischen Pommersfelden. Der hier residierende Graf Schönborn stellte für die Bachwoche Räumlichkeiten für Bachs Musik in seinem Schloss Weißenstein zur Verfügung.

1948: Umzug nach Ansbach

Titelblatt des Prospekts zur Bachwoche 1948

Die Räumlichkeiten im Schloss reichten jedoch nicht aus. So zog die Bachwoche 1948 um nach Mittelfranken, in die weitgehend unzerstörte Stadt Ansbach mit ihrer Residenz. Die Organisation weiterer „Bachwochen“ verblieb bei Dr. Weymar. Unter den Mitwirkenden in diesem und den folgenden Jahren finden sich Namen wie Edith Picht-Axenfeld und Fritz Neumeyer (Cembalo), Carl Seemann und Wilhelm Kempff (Klavier), der „Pfarrwaisenhauschor Windsbach“ (später: Windsbacher Knabenchor) unter Leitung von Hans Thamm, Wolfgang Schneiderhan (Violine), August Wenzinger (Gambe), Gustav Scheck (Flöte), Michael Schneider und Helmut Walcha (Orgel), Sänger wie Annelies Kupper (Sopran), Gertrude Pitzinger (Alt)  und wieder Ludwig Hoelscher (Violoncello) und Ferdinand Leitner, der das später „Solistengemeinschaft der Bachwoche Ansbach“ genannte Orchester dirigierte. Viele der Instrumentalsolisten gehörten der sogenannten “Freiburger Schule“ an, die sich schon damals für die Verwendung historischer Instrumente zur Interpretation von Barockmusik einsetzte. 

1953: Atemholen

Dr. Carl Weymar und Fritz Rieger
Dr. Carl Weymar und Fritz Rieger

Im Jahre 1953 wurde die Bachwoche ausgesetzt, um, wie Dr. Weymar meinte, einem Abnutzungs- und Gewöhnungseffekt entgegenzuwirken. Lediglich ein Ersatz-Wochenende an einem anderen Ort, in Schloss Brühl (bei Bonn) wurde angeboten. Hier machte erstmals ein Musiker namens Karl Richter von sich reden, der zwei Jahre zuvor von Leipzig, wo er das Amt des Thomasorganisten bekleidete, nach München gewechselt war. Richter findet sich, als Cembalist, auch auf der Besetzungsliste der Bachwoche 1954 wieder. Sie fand wieder in Ansbach statt, in Verbindung mit dem 31. Bachfest der Neuen Bachgesellschaft. Fritz Rieger dirigierte damals die Solistengemeinschaft, und es kamen Musiker hinzu wie Aurèle Nicolet (Flöte), die Dirigenten Kurt Thomas und Günter Ramin mit ihren Chören sowie der Geiger Yehudi Menuhin. „Ich packe in Ansbach meinen Rucksack voll und zehre das ganze Jahr davon“ heißt es im Brief eines Besuchers an den künstlerischen Leiter Dr. Weymar.

1954: Die Ära Richter

Drei Meister der Alten Schule: Joseph Keilberth, Henryk Szeryng, Karl Richter (1959)
Joseph Keilberth, Henryk Szeryng, Karl Richter (1959)

Von 1955 bis 1964 bestimmte Karl Richter als Cembalist, Organist und Dirigent mehr und mehr das Programm der Bachwoche Ansbach. Mit seinem Münchener Bachchor und Solisten seiner Wahl, darunter Peter Pears und Fritz Wunderlich (Tenor) und Dietrich Fischer-Dieskau, führte er viele Kantaten und die  Passionen Bachs mehrfach auf. Aber auch international geschätzte Instrumentalisten wie Andres Segovia (Gitarre), Henryk Szeryng (Violine), Pierre Fournier (Violoncello) oder Ralph Kirkpatrick (Cembalo) gehörten zu den Gästen der Bachwoche Ansbach jener Jahre. Der vielseitig begabte Richter dirigierte die Aufführungen von Kantaten und Passionen und spielte Orgel und Cembalo. Sein Plan, die Bachwoche komplett nach München zu verlegen, scheiterte jedoch am Votum der im „Verein der Freunde“ organisierten Besucher der Bachwoche. Mit Richter trat Dr. Weymar von seinem Posten zurück. 

1966: Rudolf Hetzer

Ikonen des Wirtschaftswunders: Rudolf Hetzer und der Kabinenroller (1956)
Rudolf Hetzer (1956)

Im Jahre 1966 musste daher ein Neuanfang gemacht werden. Rudolf Hetzer, Mitglied im „Verein der Freunde der Bachwoche“, wurde neuer künstlerischer Leiter, die Stadt Ansbach übernahm die Trägerschaft der Bachwoche. Der durch den Wechsel eingetretene Zweijahres-Turnus wurde beibehalten. Vermehrt kamen nun internationale Künstler und Ensembles nach Ansbach, Nathan Milstein (Violone) und Mstislaw Rostropowitsch (Violoncello), Maurice André (Trompete), die Dirigenten Sir Neville Marriner und Helmuth Rilling, Ensembles wie The English Concert und London Baroque. Damit hielt nicht nur die historisch informierte Aufführungspraxis Einzug bei der Bachwoche Ansbach, sondern es wurden behutsam auch erstmals Werke anderer Komponisten ins Programm aufgenommen.

1979: Hans-Georg Schäfer

Im Bachwochen-Büro: Hans-Georg Schäfer und Sir John Eliot Gardiner (1981)
Hans-Georg Schäfer und Sir John Eliot Gardiner (1981)

Rudolf Hetzer musste 1979 aus Gesundheitsgründen sein Amt aufgeben. Ihm folgte mit Hans-Georg Schäfer ein studierter Pianist und Kapellmeister, später auch Intendant der Berliner Philharmoniker. In seiner Amtszeit bezog er die Bach-Söhne mit ins Programm ein und erweiterte das Spektrum über Johann Sebastian Bach hinaus. Es reichte nun von Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Heinrich Schütz bis zu Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Paul Hindemith, Witold Lutoslawski und Arvo Pärt. Auch den ersten Bachwochen-Auftrag an einen zeitgenössischen Komponisten vergab Hans-Georg Schäfer. Musiker wie András Schiff (Klavier), Guy Touvron (Trompete) und der Dirigent Hans Martin Schneidt wurden zu Publikumslieblingen. Aber auch fast alle wichtigen Musiker der damals aktuellen Aufführungspraxis, wie John Eliot Gardiner, Reinhard Goebel, Ton Koopman und Philippe Herreweghe mit ihren Ensembles, gastierten regelmäßig bei der Bachwoche. Schäfer schied mit einem Extra-Bachwochenende 2000, dem 250. Todesjahr Bachs, aus dem Amt.

2001: Lotte Thaler

Dr. Lotte Thaler (2005)
Dr. Lotte Thaler (2005)

Ihm folgte für drei Bachwochen Dr. Lotte Thaler als künstlerische Leiterin. Sie setzte neue Akzente mit thematischen Schwerpunkten, etwa »Bach und Strawinsky« 2001 oder »Weltmusik Bach« 2005. Damit räumte sie zugleich der Musik des 20. Jahrhunderts ein stärkeres Gewicht ein und bereicherte die Bachwoche um Elemente wie die Bach-Sprechstunden, Programmhefte und -einführungen sowie Kinderkonzerte. Sie etablierte, darin ersten Versuchen ihres Vorgängers folgend, Jazzkonzerte und erprobte in der Mitte der Bachwoche, am „Ansbach-Tag“, neue Konzertformen und Spielstätten.

Die Bachwoche in der Gegenwart

Johann Sebastian Bach. Bildnis von Elias Gottlob  Haußmann (1746)
Johann Sebastian Bach (1746)

Seit Frühjahr 2006 ist Dr. Andreas Bomba, der mit Lotte Thaler bereits zusammengearbeitet hatte,  Geschäftsführer und Intendant. Sein Anliegen ist, neben allen notwendigen Erweiterungen des Programms hin zu den Wurzeln und zu den Nachwirkungen, den Blick auf den Namensgeber der Bachwoche, Johann Sebastian Bach und sein Gesamtwerk zu schärfen. Zu jeder Bachwoche gibt er ein »Ansbachisches Konzert« für eine jeweils andere Besetzung in Auftrag. Auch legt er Wert darauf, eine neue Musikergeneration in die Tradition der Bachwoche zu integrieren und der Vielfalt an Interpretationen ein Forum zu bieten. Ferner wird Bach nahestehenden Musikern und anderen, aus der ehemaligen Markgrafschaft stammenden Persönlichkeiten nachgespürt. Eine »Landpartie« zu Kirchen und Schlössern im Ansbachischen Umland gehört nun ebenso zum Programm wie die Zusammenarbeit mit anderen Genres, etwa gemeinsame Produktionen mit dem Theater Ansbach.

Rudolf Lutz an der historischen Wiegleb-Orgel (2007)
Rudolf Lutz an der historischen Wiegleb-Orgel (2007)

Hierzu und um der Nachfrage des Publikums zu entsprechen, wurde die Zahl der Konzerte und weiterer Veranstaltungen erhöht. Im Jahre 2007 konnte die restaurierte, historische Orgel des markgräflichen Hoforgelbauers Johann Christoph Wiegleb (1739) in der Kirche St. Gumbertus in Betrieb genommen werden. Dieses Instrument bereichert die Bachwoche um die Möglichkeiten, nun auch Bachs Orgelmusik auf einem Instrument der Bachzeit zum Klingen zu bringen. Bei der Bachwoche 2011 feierte Stefan Zedniks Dokumentarfilm »Weichet nur, betrübte Schatten« über die Bachwoche Ansbach Premiere und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. 

Kinderworkshops (2009)
Kinderworkshops (2009)

Hinzu kommt ein verstärktes Engagement für kommende Generationen von Musikfreunden. Seit 2009 finden zeitgleich zu den Vormittagskonzerten Workshops für Kinder und Jugendliche statt. Sie werden konzipiert und geleitet von der Musikpädagogin Petra Mengeringhausen. Im altersgerechten und aktiven Musizieren werden das Leben und ausgesuchte Werke von Bach vermittelt und für die Teilnehmenden nach-erlebbar gemacht. Die Workshops sind in diesem Umfang und Intensität bislang einzigartig in der europäischen Festivallandschaft.